Sei höflich, auch zu Deinem Körper

Physiotherapeut Harald Sickinger darüber, warum die wichtigsten Gespräche manchmal nicht mit anderen, sondern mit uns selbst stattfinden, und was das mit unserem Körper zu tun hat.
Warum die wichtigsten Gespräche manchmal nicht mit anderen Menschen stattfinden, sondern mit uns selbst.
Ein Gast fragte mich einmal …
„Harald, trainierst Du eigentlich, weil Du Physiotherapeut bist, oder bist Du Physiotherapeut geworden, weil Du gerne trainierst?“
Ich musste lachen. Die Wahrheit ist: Beides stimmt nicht ganz.
Als Heilmasseur war der Schritt in die Selbstständigkeit etwas Besonderes. Heute darf ich als Physiotherapeut Menschen dabei begleiten, wieder schmerzfreier durchs Leben zu gehen. Immer wieder fasziniert mich, wie viel unser Körper leisten kann. Oft braucht es dafür gar keine Wunder. Manchmal reicht ein kleiner Impuls, eine andere Bewegung oder einfach jemand, der zuhört.
Die Erkenntnis
Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich täglich anderen Menschen helfe, besser auf ihren Körper zu hören. Meinen eigenen hatte ich dabei allerdings ein wenig vergessen.
Wenn ich müde war, dachte ich: 'Geht schon.' Wenn der Rücken verspannt war: 'Das wird schon wieder.' Und Bewegung? 'Dafür finde ich morgen Zeit.'
Mein Körper war erstaunlich geduldig. Bis er irgendwann beschlossen hat, etwas deutlicher mit mir zu sprechen.
Vor zwei Jahren begann ich deshalb regelmäßig zu trainieren. Nicht für den perfekten Körper. Diese Zeiten sind vorbei. Ich möchte mich einfach wohlfühlen. Workout ist für mich manchmal besser als jede Diskussion über Work-Life-Balance.
Montagabend: mein Lieblingsdienst
Montagabend findet man mich meistens an der Rezeption im Motel Schlafraum. Das ist tatsächlich mein Lieblingsdienst. Nicht wegen der Zimmerkarten oder des Computers, sondern wegen der Menschen und ihrer Geschichten.
Viele Gäste kommen beruflich in die Region, andere legen auf ihrer Reise einen Zwischenstopp ein oder besuchen mit ihren Familien Ausflugsziele wie IKUNA, Aquapulco, den Zoo Schmiding oder das Welios.
Dabei fällt mir etwas auf: Manche verschwinden nach dem Check-in kurz aufs Zimmer und stehen fünf Minuten später mit Laufschuhen wieder vor mir. Ehe ich mich versehe, sind sie schon auf einer der Laufstrecken rund um den Schlafraum unterwegs oder trainieren in unserem kleinen Fitnessbereich.
Wenn sie zurückkommen, haben viele etwas gemeinsam. Die Schultern wirken entspannter. Das Lächeln ist breiter. Die Stimmung hat sich verändert. Natürlich weiß ich, dass Bewegung viele positive Prozesse im Körper auslöst. Aber ehrlich gesagt muss ich dafür keine wissenschaftlichen Studien lesen. Man sieht es den Menschen einfach an.
Eine Beobachtung
Ich bin ein positiver Mensch. Höflichkeit gehört für mich einfach zum Leben. Doch irgendwann ist mir ein Gedanke gekommen: Vielleicht sind wir zu anderen Menschen oft höflicher als zu unserem eigenen Körper.
Unser Körper spricht ebenfalls ständig mit uns. Er meldet Müdigkeit, Verspannungen oder bittet um Bewegung. Und wir? Wir drücken innerlich auf die Snooze-Taste.
Vielleicht sollten wir den inneren Dialog genauso ernst nehmen wie jedes gute Gespräch mit einem anderen Menschen. Denn unser Körper spricht nicht gegen uns, sondern für uns.
Körper, Geist und Seele
Schon der römische Dichter Juvenal schrieb: 'Mens sana in corpore sano': ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Ich kenne mich mit dem Körper ganz gut aus. Beim Geist und bei der Seele bin ich sicher kein Experte. Aber vielleicht steckt auch dort viel Wahrheit. Vielleicht brauchen wir manchmal einfach zehn ruhige Minuten.
Unsere Honey Lounge
Genau deshalb mag ich unsere Honey Lounge so gerne. Manchmal sitzt dort ein Gast mit einer Tasse Kaffee und einem Buch. Vielleicht liest er nur zwei Seiten. Vielleicht bleibt nur ein einziger Satz hängen. Genau deshalb liegen dort Bücher, weil manchmal ein einziger Gedanke genügt, um den Blick auf den eigenen Alltag zu verändern.
Was ich gelernt habe
Unser Körper verzeiht uns unglaublich viel. Vielleicht sollten wir deshalb nicht erst auf ihn hören, wenn er laut wird, sondern schon dann, wenn er noch ganz leise mit uns spricht.
Ob dadurch plötzlich alle Probleme verschwinden? Keine Ahnung. Aber einen Versuch wäre es wert.
Vielleicht sollten wir unserem eigenen Körper dieselbe Höflichkeit schenken wie den Menschen, die uns wichtig sind. Denn die größten Veränderungen beginnen selten mit einem riesigen Schritt. Meist beginnt alles mit einem kleinen Impuls.
„Nicht alles muss sich ändern. Manchmal genügt ein kleiner Impuls.“